Prometheus: Warum Jeff Bezos' KI-Pläne zum Weckruf für das Engineering werden
Milliardeninvestitionen in Künstliche Intelligenz sind längst keine Seltenheit mehr. Doch mit dem Start-up Prometheus richtet sich der Fokus erstmals gezielt auf das Engineering. Das Ziel: ein Artificial General Engineer (AGE), der komplexe technische Produkte entwickelt. Für Prof. Dr.-Ing. Roman Dumitrescu und KI-Experte Aschot Hovemann vom Fraunhofer IEM zeigt Prometheus: Die Produktentwicklung verändert sich grundlegend. Unternehmen sollten sich frühzeitig darauf einstellen. Was können sie tun?
„Prometheus ist für uns vor allem ein Weckruf“, sagt Dr.-Ing. Roman Dumitrescu, Direktor Advanced Systems Engineering am Fraunhofer IEM in seinem Tech Talk. „Wenn weltweit Milliarden in KI für das Engineering investiert werden, müssen wir uns fragen: Was bedeutet das für den Industriestandort Deutschland?“
Produktentwicklung wird zum nächsten großen KI-Anwendungsfeld
Mit Prometheus rückt ein Bereich in den Fokus, der bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielt als Chatbots oder generative KI: das Engineering. Während heutige KI-Systeme vor allem Texte, Bilder oder Software erzeugen, verfolgt Prometheus ein deutlich ambitionierteres Ziel: Die Entwicklung physischer Produkte mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz.
Dumitrescu diskutiert in seinem Tech Talk gemeinsam mit Aschot Hovemann, Abteilungsleiter Digital Engineering am Fraunhofer IEM die Bedeutung der Milliardeninvestition: Erstmals fließen enorme Summen gezielt in KI für das Engineering. Das werde den internationalen Wettbewerb um Innovationen und Entwicklungsgeschwindigkeit weiter beschleunigen, betonen die beiden Experten.
Engineering braucht mehr als Daten und Rechenleistung
Für Dumitrescu und Hovemann greift der Blick auf Prometheus jedoch zu kurz, wenn sich die Diskussion auf Daten und Rechenleistung beschränkt. „Engineering ist nicht nur ein Datenproblem. Entscheidend sind Domänenwissen, Prozesse und die Menschen dahinter“, fasst Aschot Hovemann zusammen. Er ist überzeugt: Erst das Zusammenspiel aus technischem Fachwissen, Erfahrungen, Entscheidungen und eingespielten Entwicklungsprozessen entscheidet darüber, ob aus einer Idee ein erfolgreiches Produkt wird.
Hinzu kommt die Realität vieler Industrieunternehmen: Historisch gewachsene IT-Landschaften, zahlreiche Engineering-Werkzeuge und verteilte Daten erschweren den Einsatz von KI erheblich. Für Dumitrescu und Hovemann geht es deshalb weniger um immer größere KI-Modelle als um die Frage, wie sich bestehende Engineering-Prozesse modernisieren lassen.
Dass diese Herausforderungen international ähnlich bewertet werden, erleben beide auch in ihrer intensiven Zusammenarbeit mit dem japanischen Engineering-Unternehmen Dentsu Soken. Die Wissenschaftler:innen des Fraunhofer IEM erarbeiten deshalb ganz neue Methoden für das Engineering der Zukunft und stehen im engen Austausch mit führenden Industrieunternehmen in Japan. Dabei zeigt sich: Themen wie Engineering Memory, Wissensmanagement oder die sinnvolle Integration von KI beschäftigen Unternehmen weltweit.
Engineering Memory: Unternehmenswissen mit KI nutzbar machen
Ein Schlüssel für die nächste Entwicklungsstufe des Engineerings ist für Dumitrescu und Hovemann das sogenannte Engineering Memory, das technische Gedächtnis eines Unternehmens. „Viele Unternehmen sitzen auf einem riesigen Wissensschatz. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dieses Wissen mit KI im richtigen Moment verfügbar zu machen,“ sagt Aschot Hovemann.
Erfahrungen aus vergangenen Entwicklungsprojekten, Konstruktionsentscheidungen, Anforderungen, Simulationsergebnisse oder bewährte Lösungsansätze: Heute liegt dieses Wissen häufig verteilt in unterschiedlichen IT-Systemen oder ausschließlich in den Köpfen erfahrener Mitarbeitender. Künstliche Intelligenz eröffnet erstmals die Möglichkeit, dieses Wissen systematisch zu erschließen und bereitzustellen. Ingenieur:innen müssen Informationen nicht mehr aufwendig suchen oder bereits bekannte Lösungen erneut entwickeln. Stattdessen können sie auf vorhandenes Wissen aufbauen und sich auf kreative und wertschöpfende Aufgaben konzentrieren.
Für Dumitrescu und Hovemann ist dieses Wissen die Grundlage dafür, dass KI den Entwicklungskontext versteht und Unternehmen ihr Engineering-Know-how langfristig sichern und skalieren können.
KI verändert das Engineering: Wert des Menschen bleibt!
Trotz aller technologischen Fortschritte sehen Dumitrescu und Hovemann den Menschen weiterhin im Zentrum der Produktentwicklung. Gerade kreative Entscheidungen, das Abwägen komplexer Zusammenhänge oder die Entwicklung völlig neuer Lösungsansätze bleiben aus ihrer Sicht zentrale Aufgaben erfahrener Ingenieur:innen. KI übernimmt dagegen zunehmend Routinetätigkeiten, analysiert große Informationsmengen und unterstützt dabei, Entwicklungsprozesse effizienter zu gestalten. „Ich bin überzeugt, dass KI das Beste ist, was dem deutschen Engineering passieren konnte“, sagt Roman Dumitrescu. „Sie gibt uns die Chance, unsere Digitalisierungshausaufgaben endlich konsequent anzugehen und unsere Engineering-Kompetenz weiter auszubauen.“
Leistungszentrum OWL: Gemeinsam das Engineering der Zukunft gestalten
Für Dumitrescu und Hovemann bietet KI die Chance, Deutschlands Engineering-Kompetenz gezielt auszubauen. Entscheidend ist, das vorhandene Wissen für KI nutzbar zu machen und Entwicklungsprozesse konsequent weiterzuentwickeln.
Das Fraunhofer IEM unterstützt Unternehmen dabei – von der KI-Strategie über erste Demonstratoren bis hin zu gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Im Leistungszentrum Engineering Automation bringt es dafür führende Kompetenzen aus KI- und Engineering-Forschung in OWL zusammen – mit der Idee, die passenden Angebote für jedes Unternehmen zu machen. Betriebe können neue Technologien zunächst anhand von Demonstratoren kennenlernen, Potenziale in Workshops bewerten und gemeinsam mit den Expert:innen erste Lösungen entwickeln.
Fraunhofer-Institut für