Digitaler Produktpass: Wie Böllhoff Daten zum Wettbewerbsvorteil macht
Der Digitale Produktpass (DPP) wird für viele Industrieunternehmen zur Pflicht. Für den Verbindungstechnik-Spezialisten Böllhoff ist er vor allem eines: ein Hebel, um Daten effizienter zu nutzen und Prozesse messbar zu verbessern. Gemeinsamen mit dem Fraunhofer IEM und dem Wuppertal Institut hat das Unternehmen in einem it’s OWL-Projekt gezeigt, wie sich der Digitale Produktpass nutzen lässt, um Produktdaten strukturiert zusammenzuführen und daraus Vorteile für Effizienz, Kundenkommunikation und Compliance zu gewinnen.
Für ein Blindnietmutter-Setzgerät und einen Drahtgewindeeinsatz erarbeiteten die Projektpartner beispielhaft Digitale Produktpässe. Das Ergebnis überzeugt: Auf einer Website stellen die Pässe produktbezogene Informationen zu Materialien, Lieferkette, Lebensdauer und Lifecycle, Zirkularität, CO2-Emissionen, Produktion und Charge sowie Zertifizierungen gebündelt an einer zentralen Stelle (Single Point of Truth) bereit.
Aus Regulatorik wird Wettbewerbsvorteil
Digitale Produktpässe (oder Digital Product Passports) sind wichtige Bausteine der europäischen Ökodesign-Verordnung (ESPR) und werden schrittweise für alle Produkte in der EU verbindlich. „Die genaue Ausgestaltung hängt von Produktkategorie und Branche ab. Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Produktpässe auf die eigene Unternehmenslogik zuzuschneiden. Neben der Erfüllung regulatorischer Anforderungen entstehen konkrete operative Vorteile – etwa schnellere Prozesse und bessere Datenverfügbarkeit“, betont Kai Timo Krüger, Wissenschaftler am Fraunhofer IEM.
Tim Schütte, Head of Corporate Sustainability bei Böllhoff, bekräftigt: „Für uns bei Böllhoff ist der Digitale Produktpass nicht nur regulatorische Pflicht, sondern eine strategische Gelegenheit, bestehende Prozesse zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Ein zentrales Motiv ist dabei die Vereinfachung der täglichen Arbeit durch eine konsistente Datenbasis.“
Optimierte Prozesse: Spürbarer Nutzen für Vertrieb und Kundenkommunikation
Die prototypisch umgesetzten Digitalen Produktpässe zeigen bereits heute auf: Der digitale Single Point of Truth bietet enorme Mehrwerte im Arbeitsalltag der Mitarbeitenden:
Bei den täglichen produktbezogenen Anfragen aus Vertrieb und Kundenservice recherchieren sie bisher Informationen aus unterschiedlichen Quellen wie z.B. dem ERP- oder PLM-System. Dieser manuelle Aufwand lässt sich durch den Digitalen Produktpass deutlich reduzieren. Künftig möchte das Unternehmen seinen Kunden die relevanten Daten im Onlineshop zur Verfügung stellen und Anfragen so schneller, günstiger und mit noch höherer Qualität beantworten. „Für uns wird der Digitale Produktpass zukünftig den Aufwand zur Bereitstellung von Daten, insbesondere im Vertrieb, drastisch senken", sagt Caroline Besse, Stoffdaten- und Compliancemanagerin bei Böllhoff.
Umsetzung: Standardlösung oder individueller Ansatz?
Unternehmen können die technische Umsetzung des Digitalen Produktpasses selbst entwickeln, auf externe Lösungen zurückgreifen oder beide Ansätze kombinieren, je nach Bedarf an Flexibilität, Kontrolle oder Geschwindigkeit. Eine Eigenentwicklung bietet sich insbesondere dann an, wenn Unternehmen ihre Datenhoheit sichern, den Digitalen Produktpass tief in bestehende Prozesse integrieren und gezielt als Instrument zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit nutzen möchten.
Das Unternehmen Böllhoff, das über ein großes und komplexes Produktportfolio verfügt, hat sich bewusst für diesen Weg entschieden. „Die Eigenentwicklung hat es uns ermöglicht, individuelle Anforderungen für Vermarktung und spezifische Datenpunkte umzusetzen“, sagt Kai Timo Krüger vom Fraunhofer IEM.
Das Pilotprojekt ist ein Beispiel, wie Unternehmen den Digitalen Produktpass konkret umsetzen können. Dabei gilt: Der Digitale Produktpass ist kein reines IT-Thema, sondern verändert Prozesse im gesamten Unternehmen. Wer früh beginnt, Daten strukturiert aufbaut und interdisziplinär denkt, gewinnt schnell konkreten Nutzen. „Entscheidend ist, dass Unternehmen sich rechtzeitig mit Wert und Beschaffenheit ihrer Daten befassen. Dann sollten sie mit kleinen Schritten starten und Erfahrungen sammeln“, sagt Niklas Hoffmann von Wuppertal Institut. „So wird aus einer regulatorischen Pflicht Schritt für Schritt ein echter Wettbewerbsvorteil.“
Zum Projekt DualStrat
Die Zusammenarbeit von Fraunhofer IEM, dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Böllhoff wurde im Rahmen des it’s OWL Verbundprojektes „Strategisches Management der Dualen Transformation“ möglich, dass von 05/2023 bis 04/2026 durch das Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen (MWIKE) gefördert wurde.
Fraunhofer-Institut für