Lydia Kaiser wird Professorin für Digitales Engineering 4.0 an der TU Berlin

News / 20. April 2021

Genau die richtige Besetzung, finden wir: Lydia Kaiser ist ab März 2021 Professorin für Digitales Engineering 4.0 an der Technischen Universität Berlin. Unsere ehemalige Abteilungsleiterin für Systems Engineering bringt damit ihre langjährige Erfahrung in die Wissenschafts-Szene der Hauptstadt ein und baut gleich eine neue Professur auf. Auch die am IEM gelebte Interdisziplinarität führt Kaiser fort: Im Einstein Center Digital Future (ECDF). Wir lassen sie nur ungern gehen – sind aber wahnsinnig stolz und aufgeregt. Ein Gespräch mit Lydia Kaiser – über den Reiz der Lehre, Engineering made in Paderborn und Frauen in Führungspositionen.

News Lydia Kaiser Professur
© Fraunhofer IEM
14 Jahre arbeitete Lydia Kaiser am Heinz Nixdorf Institut und am Fraunhofer IEM daran, das Thema Produktentstehung für Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.
News Lydia Kaiser Ideentriebwerk
© Fraunhofer IEM
Neue, digitale Formen der Zusammenarbeit – auch im Engineering – daran arbeitete Lydia Kaiser zusammen mit Unternehmen aus ganz OWL, wie hier in der Fachgruppe Systems Engineering.
News Lydia Kaiser ECDF
© Lydia Kaiser
Auch die am IEM gelebte Interdisziplinarität führt Kaiser fort: Im Einstein Center Digital Future.

1. Lydia, Hand aufs Herz: Warum verlässt du Ostwestfalen-Lippe?

Ja, das war tatsächlich eine schwere Entscheidung! Mein Herz schlägt für OWL und ich habe die Zusammenarbeit hier in der Region mit den Unternehmen und Forschungsinstituten immer sehr geschätzt. Aber nach über 10 Jahren ist es sicher verständlich, dass mich auch neue Aufgaben und Herausforderungen reizen! Mit meiner neu geschaffenen Professur habe ich die Möglichkeit, Lehrinhalte komplett neu zu konzipieren und Studierende damit für mein Thema – Systems Engineering – zu begeistern. Für mich ist SE mit seiner interdisziplinären, systemischen und systematischen Herangehensweise an komplexe Fragestellungen weiterhin DIE Kernkompetenz für die Entwicklerinnen und Entwickler der Zukunft. Ich freue mich darauf, meinen eigenen Lehrstuhl aufzubauen und Doktorandinnen und Doktoranden auf dem Weg zur Promotion zu begleiten. Außerdem lerne ich viele neue Kolleginnen und Kollegen mit spannenden Themen kennen, das gilt auch für das neue Netzwerk am ECDF und am Institut für Werkzeugtechnik (IWF). Denn eins habe ich in OWL gelernt: Dass durch vertrauensvolle und respektvolle Zusammenarbeit viele neue Impulse und beeindruckende Initiativen entstehen können.

 

2. Wie sieht deine Arbeit als Professorin künftig aus? Was ist die Vision hinter der neu geschaffenen Professur Digitales Engineering 4.0?

Die Professur „Digitales Engineering 4.0“ ist eine Stiftungsprofessur mit einer Laufzeit von fünf Jahren - eine tolle Chance für mich, etwas aufzubauen und mich in der Uni-Welt einzufinden.

Am IEM durfte ich in der Vergangenheit bereits vieles mitgestalten, so ist mir ein Teil der neuen Aufgaben vertraut. Dazu gehört das wissenschaftliche Arbeiten am spannenden Thema „Gestaltung des Engineerings“ in Rahmen von Projekten mit Forschung und Industrie. Dazu gehört auch die wissenschaftliche Kommunikation über alle Ebenen: in die wissenschaftliche Community mit eigenen Formaten zum Beispiel auf Konferenzen, zu Studierenden sowie in die breite Öffentlichkeit und in die Politik. Ich möchte in meiner Arbeit aber vor allem auch neu denken: Wie können Lehre und Forschung mit neuen Methoden und Technologien neugestaltet werden? Wie kann ich neben der inhaltlichen Vermittlung, der Anwendung und projektbezogener Lehre auch wissenschaftliches Arbeiten verankern – auch über die Abschlussarbeiten hinaus?

 

3. Was sind deine ersten großen Themen und Projekte in Berlin?

In meinem ersten Projekt am ECDF dreht sich alles um die interdisziplinäre Gestaltung des Engineerings. Wie können wir Methoden aus dem Systems Engineering einsetzen, um das Engineering von morgen zukunftsfähig zu organisieren? Wie bringen wir die einzelnen Akteurinnen und Akteure zusammen und geben ihnen ein Ausdrucksmittel für interdisziplinäres und ganzheitliches Arbeiten? Weitere Projekte werden sich über die Zeit ergeben, Themen gibt es ja genug! Immer dabei ist meine Vision: Ich möchte das Engineering als sozio-technisches System gestalten. Dafür möchte ich digitale Lösungen einsetzen und entwickeln, die den gesamten Entwicklungsprozess unterstützen.

 

4. Welche Anknüpfungspunkte aus deiner Arbeit am Fraunhofer IEM gibt es?

Die großartige Paderborner Schule hat mich über die Jahre geprägt – Systems Engineering wird hier nicht nur erforscht, sondern ins tägliche praktische Arbeiten überführt. Dazu gehören systemisches und systematisches Denken und Arbeiten, das interdisziplinäre Betrachten komplexer Fragestellungen - inklusive ganzheitlicher Lösungen! Wir haben in Paderborn Großartiges geschaffen – die Erfolgsgeschichte des IEM gibt uns da recht. Damit meine ich nicht nur die überzeugenden Ergebnisse in Forschungsprojekten, sondern auch die Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die eigene erfolgreiche Wege nach ihrer Zeit bei Fraunhofer gehen. Auf all dies baue ich auf.

 

5. Als ehemalige Doktorandin am Heinz Nixdorf Institut der Uni Paderborn hast du die Entwicklung der Fraunhofer IEM, das in diesem Jahr 10-jähriges Jubiläum feiert, von Beginn an begleitet. Erzähl uns etwas zu deinem Werdegang!

Meinen Anfang habe ich 2007 als Quereinsteigerin gemacht. Als studierte Physikerin wurde ich Teil eines interdisziplinären Teams im Bereich Entwurfstechnik Mechatronik bei Professor Gausemeier am Heinz Nixdorf Institut der Uni Paderborn. Wir waren ein bunter Haufen – eine Physikerin, ein Mathematiker, Wirtschaftsingenieure mit den Schwerpunkten E-Technik und Maschinenbau, ein Mechatroniker – aber rückblickend ein Erfolgsrezept. Es war spannend und beeindruckend, die Gausemeier-Schule zu durchlaufen. Die strategische Herangehensweise, ganzheitliches und interdisziplinäres Denken und die „Just do it“-Mentalität haben mich geprägt. Aus dem Bereich Entwurfstechnik Mechatronik entstand dann 2011 das Fraunhofer IEM.

In dieser Zeit habe ich meine drei Kinder bekommen und war immer wieder in Elternzeiten – für mich war es eine tolle Erfahrung mit Förderung und Unterstützung seitens meines Arbeitgebers meinen Weg weiterzugehen. Meinem Chef Roman Dumitrescu habe ich da viel zu verdanken. Er ist recht unkonventionelle Wege gegangen und steht für den Wandel der Zeit wie kein anderer. Er hat viel Eigenengagement verlangt und dafür viel Freiraum gegeben!

2013 habe ich dann das Vertrauen erhalten, in die Führungsaufgaben einzusteigen – erst als Gruppenleiterin dann als Abteilungsleiterin. Die Doppelspitze mit meinem Kollegen Harald Anacker war für mich sehr wertvoll – wir haben unsere Stärken vereint und konnten aufeinander bauen.

 

6. Du hast dich am Fraunhofer IEM stark für die Karrieren deiner Kolleginnen interessiert und eingesetzt – im Prinzip also eine doppelte Herausforderung, da weibliche Führungskräfte sowohl in technischen Berufen als auch im wissenschaftlichen Bereich leider immer noch in der Unterzahl sind. Was möchtest du unseren jungen Wissenschaftlerinnen mitgeben?

So richtig bewusst ist mir das Ungleichgewicht das erst nach der Geburt meiner drei Kinder geworden. Plötzlich merkte ich, dass hier noch einiges anzupassen gilt. Seitdem habe ich Seminare besucht und viel dazu gelesen. Wir empfinden keine Benachteiligung und keine Unterschiede, bis die Unterschiede greifen. Ich glaube, dass wir in puncto Vereinbarkeit von Beruf und Familie Veränderungen auf allen Ebenen brauchen:

  • Bei uns selbst – als Frauen müssen uns mehr zutrauen und uns gegenseitig unterstützen.
  • Bei unseren Partnern (oder Partnerinnen): wenn schon in der Beziehung und der Familie Gleichberechtigung gelebt wird, überträgt sich das auch in Beruf und Karriere.
  • Bei den Strukturen im Unternehmen: wir müssen neu denken und neue Wege zulassen. Nur weil es schon immer so war, heißt es nicht, dass es nicht auch anders geht. Am IEM zeigt Roman immer wieder, dass es geht!

Den jungen Kolleginnen habe ich mitgegeben und möchte ich weiter mitgeben, dass sie ihren eigenen Weg bestimmen können und gehen sollen. Role Model können Orientierung und Inspiration geben, vor allem aber sollten sie auf sich selbst schauen und in die eigenen Stärken vertrauen. So werden sie die Role Model von morgen. Zeigt euch und unterstützt euch gegenseitig