Pandemie als Risikofaktor: Was Unternehmen aus dem Projekt SORISMA künftig lernen können

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Seit 2019 arbeitet Daniela Hobscheidt im Forschungsprojekt SORISMA an Methoden, mit denen Unternehmen mögliche Risiken bei der Einführung von Industrie 4.0 erkennen, bewerten und vermeiden können. Im Interview gibt sie uns einen Einblick in mögliche Stolpersteine, die das Projektteam mit Industrieunternehmen derzeit identifiziert und systematisch aufbereitet. Außerdem bewertet sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Unternehmen aus Sicht des Risikomanagements.

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© Fraunhofer IEM
Beim zweiten virtuellen Meilensteintreffen diskutierten die SORISMA-Projektpartner die vorläufigen Projektergebnisse – und ihren Bezug zur Corona-Pandemie.

1. Industrie 4.0 bezeichnet die intelligente digitale Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie – das klingt erst einmal nach vielen Vorteilen und Chancen für Unternehmen. Welche Risiken gibt es denn zum Beispiel?

Der Weg zum großen Ziel Industrie 4.0 ist für viele Betriebe kompliziert und schwer zu überblicken. Es ist ein umfangreicher Prozess, der sich nicht auf die Einführung neuer Technologien beschränkt, sondern große Auswirkungen auf die ganze Organisation hat. Stolpersteine sind oft schwer abzuschätzende Risiken zwischen Technik, Organisation und Mensch. Die Einführung eines neuen IT-Systems zur Verbesserung von Arbeitsprozessen wird beispielsweise nur mit einer entsprechenden Schulung und Weiterbildung erfolgreich sein. Risiken wären hier also fehlendes Know-How und mangelnde Akzeptanz durch die Mitarbeitenden. Das Beispiel zeigt gut, wie die Dimensionen Technik, Organisation und Mensch zusammenhängen.

2. Welches Ziel verfolgt das Projekt SORISMA?

Das Forschungsprojekt SORISMA schafft Orientierung. In einer dreijährigen Zusammenarbeit entwickeln wir mit dem Fraunhofer IML, dem Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn, der Unity AG und myview systems Methoden, mit denen Unternehmen die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf ihre gesamte Wertschöpfungskette analysieren und mögliche Risiken erkennen und bewerten können. Beim Einführen der Industrie 4.0-Technologien profitieren Betriebe dann von Methoden, mit denen sie mögliche Gefahren überwachen und steuern können. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist diese Hilfestellung sehr nützlich.

3. Im August 2021 trafen sich die Projektpartner zum zweiten großen Meilenstein. Was beinhaltet dieser?

Wir konnten die bisherigen Projektergebnisse vorstellen und diskutieren – und das sind einige: In den letzten Monaten haben wir eine Vielzahl an Risiken bei der Einführung von Industrie 4.0 ermittelt und sowohl ihre Ursachen als auch Auswirkungen identifiziert. Um die Risiken greifbar zu machen, haben wir sie typischen Use Cases zugeordnet. Allgemeingültige Risikofelder wie zum Beispiel finanzielle Risiken oder Kompetenzrisiken bündeln nun alle Informationen auf einen Blick. Unternehmen können auf ein vollständiges soziotechnisches Bewertungsschema für Risiken im Kontext Digitalisierung zurückgreifen. Hier finden sie auch Kriterien zur Einordnung der Risiken in Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Bei der Einführung von Industrie 4.0-Use Cases können sie so besonders kritische Risiken in den Dimensionen Mensch, Organisation und Technologie ermitteln – und anschließend zielgerichtet Maßnahmen zur Risikosteuerung identifizieren.

4. Die Corona-Pandemie hat, wie alle Gesellschaftsbereiche, auch die Industrie hart getroffen. Hat diese Erfahrung Ihre Arbeit im Projekt SORISMA beeinflusst?

Eindeutig ja! Die Pandemie hat Unternehmen in Bezug auf die Digitalisierung vor neue Herausforderungen gestellt und bekannte Risikofaktoren nochmal verstärkt. Ein Beispiel ist das Digitalisieren von Prozessen und Arbeitsabläufen: Gerade in einer weltweiten Pandemie nimmt der Anreiz für Betriebe zu, ihre Produktionsabläufe zu vernetzen und Arbeitstätigkeiten aus dem traditionellen Betrieb organisatorisch in die Cloud zu verlegen. Die genauen Auswirkungen dieser Umstellungen sind nun Gegenstand unserer Forschung. Wie ändern sich beispielweise Kompetenzprofile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung von Prozessen auf die Kundenbeziehungen? Fragen wie diese sind hochrelevant, damit Betriebe potenzielle Risiken schon heute erkennen und ihnen mit geeigneten Maßnahmen begegnen können. Methoden des Risikomanagements gewinnen also insbesondere in der Pandemie enorm an Bedeutung.

5. Wie können Unternehmen die Ergebnisse aus SORISMA künftig nutzen, um sich künftig gegen Pandemien wie Covid-19 zu wappnen?

Unsere im Projekt SORISMA entwickelten Methoden des Risikomanagements werden bestens dafür geeignet sein, künftige Krisenszenarien durchzuspielen und die entsprechenden Weichen zu stellen. Wichtig ist: Risikomanagement sollten Unternehmen kontinuierlich betreiben und nicht erst in Krisenzeiten. Dann ist es nämlich schon zu spät und Betriebe können nur noch reagieren.

6. Zurück zum Projekt SORISMA, das noch bis Sommer 2022 läuft: Auf welche Methoden und Werkzeuge können Unternehmen dann zurückgreifen?

Wir erarbeiten einen ganzheitlichen Methodenkoffer, in dem Betriebe künftig sämtliche Instrumente für eine frühzeitige Risikobewertung ihrer Industrie 4.0-Aktivitäten finden: Von der soziotechnischen Risikoanalyse mit einer spezifischen Auswirkungscanvas, über die schematische Risikobewertung und darauf aufbauenden Risikostrategien bis hin zu Risikoindikatoren, die ein Controlling aller Maßnahmen ermöglichen. Unternehmen können in Zukunft auch auf ein Online-Simulationstool zugreifen und das soziotechnische Management von Risiken für Industrie 4.0 spielerisch trainieren.

Zum Projekt SORISMA

Das Verbundprojekt SORISMA – „Soziotechnisches Risikomanagement bei der Einführung von Industrie 4.0“ entwickelt praxisnahen Maßnahmen und Methoden, mit deren Hilfe kleine und mittlere Unternehmen Risiken frühzeitig erkennen und Industrie 4.0-Lösungen risikooptimiert einführen können. Dabei werden nicht nur technologische Entwicklungen betrachtet, sondern Industrie 4.0 als soziotechnisches System mit den drei Dimensionen Technik, Organisation und Mensch verstanden. Dafür wird es vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) mit rund 2,7 Mio. Euro gefördert.

Forschungspartner

  •     Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik Mechatronik IEM
  •     Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML
  •     Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn    

Industriepartner

  •     BEULCO
  •     MIT – Moderne Industrietechnik
  •     myview systems
  •     thyssenkrupp Industrial Solutions AG
  •     UNITY AG
  •     Westaflex

 

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