Von Null auf Systems Engineering: Projekt SE4OWL arbeitet an Ansätzen zur unternehmensweiten SE-Einführung für kleine und mittlere Betriebe

News / 01. Juli 2020

Wer komplexe technische Systeme künftig erfolgreich auf den Markt bringen möchte, benötigt den Überblick über die vielfältigen Zusammenhänge in seinem Entwicklungsprojekt. Der Ansatz Systems Engineering (SE) bietet ein ganzes Bündel aus Methoden und Werkzeugen, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Das neue it’s OWL-Projekt SE4OWL unterstützt kleine und mittlere Unternehmen dabei, SE langfristig und ganzheitlich anzuwenden. Gefördert wird es dafür vom Land Nordrhein-Westfalen mit rund 1,9 Mio. Euro.

© Fraunhofer IEM / Wolfram Schroll
SE-gerechte IT-Strukturen – im SElive Lab am Fraunhofer IEM werden die IT-Konzepte des Projekts SE4OWL künftig validiert.
© Fraunhofer IEM / Wolfram Schroll
Erfahrungsaustausch zum Systems Engineering: Die Unternehmen in OWL treffen sich regelmäßig zur gemeinsamen Fachgruppe, wie hier in 2019 bei CLAAS.
© Fraunhofer IEM
SE4OWL: In einer dreijährigen Förderphase (2020-2023) entsteht ein Instrumentarium zur unternehmensweiten Einführung und Verstetigung von Systems Engineering im Mittelstand.

„Um die Entwicklung erfolgreich zu gestalten, müssen Unternehmen Systems Engineering in ihrer gesamten Organisation einführen. Insellösungen haben zwar Pioniercharakter und sind gerade zu Beginn wichtig. SE ist aber ein Ansatz, der erst im Zusammenspiel aller Abteilungen richtig zum Fliegen kommt“, sagt Kai Korthals, Head of Digital Product Engineering bei CLAAS.  Das Unternehmen aus Harsewinkel arbeitet seit 2015 mit Systems Engineering an der Landtechnik der Zukunft und befindet sich bereits in der unternehmensweiten Einführung. Zusammen mit Miele und HARTING Applied Technologies bringt CLAAS nun die Industrie-Perspektive in das Forschungsprojekt SE4OWL ein.

Kleine und mittlere Unternehmen haben es nicht so leicht

Über Pilotprojekte hinausgehen und Systems Engineering langfristig im gesamten Betrieb einsetzen – das bedeutet einen organisatorischen und kulturellen Wandel. Wo selbst in Großunternehmen viel Pionier- und Überzeugungsarbeit geleistet wird, haben es mittelständische Betriebe oft noch schwererer. „Im Tagesgeschäft ist es nicht so einfach, ausreichend Kapazitäten bereitzustellen, um SE umfangreich fürs ganze Unternehmen zu betrachten und dann strategisch einzuführen“, schildert Dr. Volker Franke, Geschäftsführer HARTING Applied Technologies, die Herausforderung des mittelständischen Betriebes.

SE4OWL: Abschauen erwünscht – Mitmachen erwünscht!

Im Technologienetzwerk it’s OWL arbeiten seit 2012 Betriebe jeder Größe gemeinsam mit Forschungspartnern mit dem Ansatz Systems Engineering. 29 mehrjährige Innovationsprojekte und 44 drei- bis neunmonatige Transferprojekte zeugen von großem Bedarf an dem Thema. „Wir verfügen inzwischen über eine Schatztruhe mit SE-Wissen und Erfahrung – meist kleinere Pionierarbeiten für Methoden und Werkzeuge, teilweise auch große strategische Initiativen für die unternehmensweite Einführung“, resümiert Dr.-Ing Lydia Kaiser, Abteilungsleiterin Systems Engineering am Fraunhofer IEM. Bei Pionierarbeiten soll es nicht bleiben: Künftig sollen auch kleine und mittlere Unternehmen SE langfristig und ganzheitlich in der eigenen Organisation verankern. Für die neue Förderung des Themenfeldes Systems Engineering strukturiert das Projekt SE4OWL deshalb bisherige Ergebnisse und Erfahrungen und bereitet sie wissenschaftlich auf.  Industrieunternehmen erarbeiten – unterstützt durch die methodische Expertise des Fraunhofer IEM und der Unity AG sowie durch den SE-Toolanbieter Two Pillars –  ein Instrumentarium mit Leitfäden für die ganzheitliche Gestaltung von Systems Engineering in der Organisation. Dabei betrachten sie die folgenden Bereiche.

  • Passgenauer Einsatz von Methoden und Werkzeugen: Entwicklungsmethoden und Werkzeuge sollten immer an Bedürfnissen und Arbeitswelten ihrer Anwender ausgerichtet werden.
  • Organisation und IT für interdisziplinäre Zusammenarbeit: Unternehmen sollten sowohl ihre Organisation als auch die benötigten IT-Systeme überdenken und neu strukturieren – mit Blick auf individuell gewachsene Strukturen und aktuelle Herausforderungen.
  • Kultur und Qualifikation für eine breite Akzeptanz von SE: Systems Engineering erfordert Veränderungen in Organisation, Arbeitsprozessen und -inhalten und in der Belegschaft, die von Beginn an in den Prozess eingebunden werden sollte.
  • SE-Demonstrator: Die Projektergebnisse werden anhand eines fiktiven Unternehmens verdeutlicht und überprüft – hier übernehmen die Industriepartner den wichtigen Praxischeck.  

Betriebe profitieren von SE4OWL künftig in Form von Leitfäden und Methoden, erhalten durch den SE-Demonstrator praktische Umsetzungstipps und tauschen Erfahrungen in der Fachgruppe Systems Engineering aus. Auch eine konkrete Zusammenarbeit mit den Forschungseinrichtungen des Technologienetzwerks it’s OWL über mehrere Monate ist möglich, in der Raum für individuelle Fragestellungen ist. Wer hier Interesse hat, kann sich an Lukas Bretz vom Fraunhofer IEM wenden. Ergebnisse aus dem Projekt finden Interessierte künftig auch auf www.selive.de

Zum Projekt SE4OWL

Systems Engineering für OWL (SE4OWL) ist ein Verbundvorhaben im Rahmen des Technologienetzwerks it’s OWL finanziert durch Landesmittel des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. In einer dreijährigen Förderphase (2020-2023) entsteht ein Instrumentarium zur unternehmensweiten Einführung und Verstetigung von Systems Engineering im Mittelstand. Das Projekt hat drei Handlungsfelder, Stakeholder-gerechte Methoden- und Werkzeuganpassungen, ITS-gerechte Engineering-Strukturen sowie die individuelle und organisatorische Akzeptanz von Systems Engineering und stellt einen mittelstandsgerechten Transfer der Ergebnisse sicher.